Kryonik bewegt sich seit Jahrzehnten zwischen Science-Fiction und Wissenschaft. Die fiktionalen Vorstellungen gingen der wissenschaftlichen Forschung voraus.
Die meisten Menschen verbinden mit Kryonik Vorstellungen, die mit dem tatsächlichen Verfahren wenig zu tun haben.
Manche dieser Vorstellungen lassen Kryonik wie Zauberei erscheinen. Andere erwecken den Eindruck, es handle sich um Betrug. Zu wissen, was Kryonik nicht behauptet, erweist sich als ebenso wichtig wie zu wissen, was sie behauptet.

Was das Verfahren tatsächlich ist
„Walt Disney wurde eingefroren“
Das stimmt nicht. Keine Behauptung über Kryonik wird häufiger wiederholt, obwohl sie von Anfang an falsch war.
Disney starb am 15. Dezember 1966 und sein Leichnam wurde zwei Tage später eingeäschert, seine Asche wurde auf dem Friedhof Forest Lawn in Glendale beigesetzt.
Dr. James Bedford wurde im Jänner 1967 als erster Mensch tatsächlich kryokonserviert, einen Monat nach Disneys Tod.
Die Legende verdient Erwähnung, weil sie das öffentliche Bild der Kryonik nachhaltig geprägt hat. Durch sie erschien Kryonik als Ausdruck der Eitelkeit eines reichen Mannes statt als medizinisches Verfahren.
„Kryonik bedeutet, einen Körper in Eis einzufrieren“
Dabei stellt man sich einen Menschen vor, der wie eine Tiefkühlmahlzeit gelagert und irgendwann wieder aufgetaut wird. Tatsächlich soll das Verfahren die Bildung von Eis möglichst vollständig verhindern.
Entscheidend ist, dass ein Großteil des Wassers im Gewebe durch Kryoprotektiva ersetzt wird.
Anschließend wird der Körper so weit abgekühlt, dass das Gewebe in einen glasartigen Zustand übergeht. Diesen Vorgang nennt man Vitrifikation. Ziel ist es, den Gewebeabbau zu stoppen und dabei Schäden durch Eiskristalle zu vermeiden.
Anders als beim gewöhnlichen Einfrieren soll dabei kein Eis entstehen. Das gesamte Verfahren ist darauf ausgelegt, die Bildung von Eis zu verhindern.
„Kryonik versucht, die Toten zurückzubringen“
Kryonikanbieter behaupten nicht, heute Menschen wiederbeleben zu können. Kryonik setzt dort an, wo die heutige Medizin an ihre Grenzen stößt.
Gemeint ist der Zeitpunkt, an dem die heutige Medizin einen Menschen nicht mehr am Leben erhalten kann, die Strukturen im Gehirn, in denen Informationen gespeichert sind, aber noch erhalten sind.
In der Kryonik wird der Tod als Prozess verstanden, nicht als einzelner Zeitpunkt. Ziel ist es, die Hirnstruktur zu erhalten, bevor sie im Verlauf dieses Prozesses zerstört wird.
Kryonikanbieter beschreiben konservierte Menschen als Patienten in kritischem Zustand, für die eine Behandlung erst noch entwickelt werden müsste, und nicht als Verstorbene, bei denen man auf ein Wunder hofft.
Was behauptet wird und was nicht
„Es wurden schon Menschen wiederbelebt“
Bisher wurde kein kryokonservierter Mensch wiederbelebt. Darauf weisen wir ausdrücklich hin und erläutern die Gründe in einem eigenen Artikel.
Vitrifikation ist im kleinen Maßstab tatsächlich umkehrbar. Menschliche Embryonen und Eizellen werden routinemäßig vitrifiziert, gelagert, erwärmt und entwickeln sich danach normal weiter.
Ungelöst ist bisher, wie sich das Verfahren auf einen ganzen menschlichen Körper übertragen lässt. Ein Kryoprotektivum gleichmäßig in einem ganzen Gehirn zu verteilen, ist wesentlich schwieriger als bei wenigen Zellen.
Noch schwieriger ist es, das Gewebe wieder zu erwärmen, ohne es zu schädigen. Bei einem ganzen menschlichen Körper ist das bisher niemandem gelungen.
Wer behauptet, eine Person sei wiederbelebt worden, irrt sich oder lügt. Die Aussage lässt keinen Interpretationsspielraum.
„Es ist Betrug oder Pseudowissenschaft“
Der Vorwurf verdient eine sachliche Antwort, denn vermeintliche medizinische Zukunftsversprechen können tatsächlich betrügerisch sein.
Betrug beruht auf Täuschung. Pseudowissenschaftliche Behauptungen widersprechen gesicherten Erkenntnissen oder sind so formuliert, dass sie sich nicht widerlegen lassen.
Entscheidend ist, wie der Anbieter mit der Unsicherheit umgeht. Verschweigt der Anbieter diese Unsicherheit, ist das ein Warnzeichen.
Seriöse Kryonikanbieter versprechen weder einen Zeitpunkt für eine Wiederbelebung noch eine bestimmte Erfolgswahrscheinlichkeit oder einen Behandlungserfolg. Sie bieten Kryokonservierung an und weisen darauf hin, dass die Erfolgsaussichten unbekannt sind.
Deshalb ist die Einwilligung nach umfassender Aufklärung hier besonders wichtig. Dem Vorwurf widmen wir einen eigenen Artikel, in dem wir uns mit ihm auseinandersetzen.
Ein Angebot, dessen ungewisse Erfolgsaussichten offengelegt werden, ist deshalb noch kein Betrug. Auch wer Kryonik ablehnt, kann diesen Unterschied anerkennen.
„Man würde eines Tages unverändert wieder aufwachen“
Nach einer Kryokonservierung ließe sich das Leben nicht einfach dort fortsetzen, wo es aufgehört hat.
Eine Wiederbelebung würde voraussetzen, dass sich schwere Schäden am Körper medizinisch beheben ließen. Danach müsste man sich in einer Welt zurechtfinden, die sich während der eigenen Abwesenheit weiterentwickelt hätte.
Die Kryokonservierung soll jene Hirnstrukturen erhalten, die als Grundlage der Persönlichkeit gelten, die Person kodieren. Die vertraute Welt, die bisherigen Lebensumstände und die Menschen, die einem nahestanden, lassen sich damit nicht bewahren.
Die persönliche Identität könnte erhalten bleiben. Das vertraute Umfeld wäre jedoch vermutlich verloren, und die Aussicht, allein anzukommen sollte man ernst nehmen, kein Nebendetail.
Was Kryonik voraussetzt
„Das ist nur etwas für Reiche oder Exzentriker“
Die hohen Kosten prägen die Schlagzeilen. Deshalb gilt Kryonik oft als Hobby für Milliardäre.
Fast niemand bezahlt die Kryokonservierung mit einer einmaligen Zahlung. Die meisten Mitglieder finanzieren sie über eine Lebensversicherung mit vergleichsweise niedrigen monatlichen Prämien.
Für eine Mitgliedschaft ist Reichtum nicht ausschlaggebend. Entscheidend ist die Bereitschaft, darauf zu hoffen, dass die Medizin künftig Probleme lösen kann, an denen sie heute noch scheitert.
Der Artikel „Der Trugschluss, das sei nur etwas für die Superreichen“ erläutert dieses Argument ausführlich und zeigt, wo es an seine Grenzen stößt.
„Einmal konserviert, kümmert sich die Zukunft um alles“
Mit der Kryokonservierung beginnt die langfristige Betreuung, sie ist nicht ihr Abschluss.
Um die nötigen tiefen Temperaturen über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten, braucht es langfristig tragfähige Organisationen, eine gesicherte Finanzierung und laufende Kontrolle.
Die Mittel für die Langzeitlagerung werden getrennt vom laufenden Geschäft verwaltet. Die Gebühren für die Langzeitlagerung fließen an eine eigenständige Schweizer Stiftung. Diese legt das Geld an, damit sich die laufenden Kosten aus den Erträgen decken lassen und keine Einnahmen aus neuen Vertragsabschlüssen nötig sind.
Diese Organisationsform soll die Langzeitlagerung auch dann sichern, wenn das Unternehmen seinen Betrieb einstellen muss, und sie ist geplant, nicht bloß erhofft.
Ob eine Wiederbelebung versucht würde, hinge auch von künftigen Entscheidungen ab. Wer Kryonik als bequeme Absicherung betrachtet, unterschätzt, wie viel Verantwortung die beteiligten Institutionen langfristig übernehmen müssten.
Wer die Mythen hinterfragt, kann die tatsächlichen Möglichkeiten und Grenzen der Kryonik beurteilen. Dazu soll dieser Artikel beitragen.
Der Artikel „Argumente gegen Kryonik“ behandelt Einwände, die auch einer genaueren Prüfung standhalten. Mit diesen Einwänden lohnt es sich, sich auseinanderzusetzen.
Kurz gesagt: Kryonik friert keine lebenden Menschen ein, garantiert keine Wiederbelebung und konserviert Patienten nicht ohne Schäden. Kryonik ist der Versuch, nach dem rechtlich festgestellten Tod biologische Strukturen zu erhalten. Ob dadurch eine spätere Wiederbelebung möglich wird, ist ungewiss.
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