Wer von etwas überzeugt sein will, tut gut daran, zuerst die besten Gründe dagegen zu sammeln.

In diesem Artikel setzen wir uns mit den stärksten Einwänden gegen unsere Position zur Kryonik auseinander. Wir formulieren sie so fair wie möglich und beantworten sie ohne Beschönigung.

Manche Einwände verlieren an Überzeugungskraft, sobald man sie präzise formuliert. Andere wiegen schwer. Wir zeigen, welche das sind.

Keiner davon ist ein Beweis dafür, dass Kryonik scheitert, denn einen solchen Beweis gibt es nicht. Dass sich ein Scheitern nicht beweisen lässt, sagt allerdings wenig über die Erfolgsaussichten aus. Mehr behaupten wir auch nicht.

two rounded speech bubbles facing each other, one with a question mark and one with a checkmark, a fair back-and-forth debate motif
Die stärksten Einwände, offen dargestellt und ohne Beschönigung beantwortet.

Die wissenschaftlichen Einwände

„Eine Wiederbelebung wird nie möglich sein“

Das wird meist mit mehr Gewissheit gesagt, als gerechtfertigt ist. Niemand kann beweisen, dass eine Wiederbelebung funktioniert.

Ebenso wenig lässt sich jedoch beweisen, dass sie unmöglich ist. Genau das wäre nötig, um diesen Einwand zu belegen.

Die Hoffnung auf eine Wiederbelebung beruht auf der Annahme, dass deine Identität in der physischen Struktur deines Gehirns verankert ist und sich die darin gespeicherten Informationen wiederherstellen lassen, wenn diese Struktur erhalten bleibt.

In der Geschichte der Medizin haben sich vermeintliche Gewissheiten darüber, was unmöglich ist, immer wieder als falsch erwiesen. „Wir wissen nicht, wie es geht“ führt nicht zu „Es ist unmöglich“.

Wir sagen ebenso deutlich: Heute ist eine Wiederbelebung nicht möglich, und niemand kann dir sagen, wann sie möglich sein könnte.

„Selbst wenn eine Wiederbelebung eines Tages möglich wäre, könnte die heutige Konservierungsmethode ungeeignet sein“

Dieser Einwand wiegt schwerer, und wir nehmen ihn besonders ernst.

Es ist durchaus möglich, dass bei der heutigen Vitrifikation Strukturen verloren gehen, die für eine spätere Wiederbelebung nötig wären.

Dieses Risiko räumen wir offen ein. Wir setzen darauf, dass eine gute Konservierung mit heutigen Methoden genügend erhält, um mit künftigen medizinischen Verfahren eine Wiederbelebung zu ermöglichen.

Das ist eine Wette, keine Gewissheit. Wir führen die technischen Probleme auf, auch jene, für die es bisher keine Lösung gibt.

Die Methode hat sich stetig verbessert, seit Basile Luyet 1937 lebendes Material vitrifizierte, und sie verbessert sich weiter. Das ist Grund zur Hoffnung, keine Garantie.

Wer diesen Einwand überzeugend findet, hat ein zentrales Problem der Kryonik erkannt. Deshalb investieren wir selbst in die Forschung zur Verbesserung der Konservierung:unser eigenes Forschungsgeld.

„Nach der Wiederbelebung wärst du nicht mehr du selbst“

Die weniger überzeugende Variante dieses Einwands lautet, Identität sei etwas Immaterielles, das sich mit keinem technischen Verfahren erhalten lasse. Diese Variante halten wir für leicht zu entkräften und gehen deshalb nicht näher darauf ein.

Die überzeugendere Variante betrifft die Frage, ob die persönliche Identität ohne Unterbrechung fortbesteht. Selbst wenn sich deine Gehirnstruktur vollständig wiederherstellen ließe, könnte dabei eine Kopie entstehen, die glaubt, du zu sein, während du selbst nicht mehr existierst.

Das ist ein echtes philosophisches Problem, und wir tun nicht so, als wäre es gelöst. Es wird hier ernst genommen statt abgetan.

Zwei Überlegungen lassen sich dazu anführen. Erstens: Dieselbe Frage stellt sich auch bei traumlosem Schlaf und unter Vollnarkose. In diesen Fällen sprechen wir jedoch nicht vom Tod.

Zweitens: Aus diesem Einwand folgt nicht, dass die Alternative vorzuziehen wäre. Auch eine Einäscherung gewährleistet kein Fortbestehen der persönlichen Identität. Sie zerstört die Gehirnstruktur und nimmt damit jede Möglichkeit, später zu prüfen, ob die persönliche Identität hätte fortbestehen können.

Wenn dir das Fortbestehen deiner Identität wichtig ist, spricht aus unserer Sicht umso mehr dafür, die Gehirnstruktur zu erhalten, statt sie zu zerstören.

Die praktischen Einwände

„Es ist zu teuer, also nur für Reiche“

Der angegebene Preis ist tatsächlich hoch. Eine Ganzkörper-Kryokonservierung bei Tomorrow.bio kostet rund 200.000 Euro.

Fast niemand zahlt das als Einmalbetrag. Die Finanzierung erfolgt über eine Lebensversicherung, für die monatliche Prämien anfallen.

Damit wird eine Kryokonservierung auch für Menschen mit durchschnittlichem Einkommen finanzierbar. Ob sie tatsächlich nur für Superreiche infrage kommt, prüfen wir an anderer Stelle ausführlich.

Meist scheitert die Entscheidung daran, welche Priorität jemand der Kryonik einräumt und wie überzeugt er davon ist, weniger an der Leistbarkeit. Wir schlüsseln auf, wofür das Geld tatsächlich verwendet wird, statt es nur zu behaupten.

Es bleibt trotzdem eine große Summe. Ob sie dir die Kryokonservierung wert ist, solltest du sorgfältig abwägen. Uns ist lieber, du prüfst die Kosten in Ruhe, als dass du eine Kryokonservierung von vornherein für unleistbar hältst.

„Das Geld sollte in andere Forschungsbereiche fließen“

Kurzfristig hat dieser Einwand Gewicht. Wer heute Forschung zur Kryokonservierung finanziert, kann davon nicht den größtmöglichen Nutzen pro eingesetztem Euro erwarten.

Auf lange Sicht verliert er an Kraft. Die Mittel stammen größtenteils aus privater Hand. Daraus folgt nicht, dass dieses Geld andernfalls der Krebsforschung zugutekäme.

Die Forschung zur Kryokonservierung kann zudem auch anderen medizinischen Bereichen zugutekommen. Erkenntnisse darüber, wie sich Gewebe bei tiefen Temperaturen erhalten lässt, kommen der Organtransplantation und der Notfallmedizin zugute, unabhängig davon, ob eine Wiederbelebung jemals gelingt.

Ein Forschungsgebiet kann auch allein deshalb förderungswürdig sein, weil seine Ergebnisse in anderen Bereichen Nutzen bringen.

„Es schadet der Umwelt“

Diesem Einwand liegt die Annahme zugrunde, dass die Behälter während der Lagerung elektrisch gekühlt werden müssten.

Das stimmt nicht. Die Patienten werden in vakuumisolierten Dewargefäßen mit flüssigem Stickstoff gelagert. Die Gefäße benötigen keine elektrische Kühlung.

Der Stickstoff muss regelmäßig nachgefüllt werden. Für eine Beurteilung des laufenden Energieaufwands muss auch seine Herstellung und Bereitstellung berücksichtigt werden. Ein Stromausfall gefährdet einen Patienten nicht.

Der ökologische Fußabdruck ist gering und sinkt weiter, je mehr Strom aus erneuerbaren Quellen bei der Stickstoffproduktion eingesetzt wird.

„Die Organisation wird nicht lange genug bestehen“

Dieser Einwand gehört auf die Liste. Eine frühere Fassung dieses Artikels bezeichnete ihn als gewichtigen Einwand, führte ihn aber nicht näher aus.

Der Einwand ist berechtigt, auch wenn er häufig überzogen formuliert wird. Institutionen können lange bestehen: Kongo Gumi, ein japanisches Unternehmen für Tempelbau, bestand rund 1.400 Jahre, bevor es 2006 übernommen wurde.

Eine Kryonikorganisation hat bisher allerdings keine vergleichbar lange Geschichte. Keine besteht auch nur annähernd seit dreihundert Jahren. Patienten könnten aber noch länger auf eine Wiederbelebung warten müssen.

Wir begegnen diesem Risiko mit organisatorischen Vorkehrungen. Die langfristige Lagerung ist bewusst vom laufenden Geschäftsbetrieb getrennt.

Für die Finanzierung der langfristigen Lagerung ist ein Patient Care Trust vorgesehen. Die Kosten sollen aus dessen Kapitalerträgen gedeckt werden, nicht aus Einnahmen durch neue Vertragsabschlüsse.

Wir beantworten offen die Frage, was passiert, wenn Tomorrow.bio insolvent wird.

Vollständig ausschließen lässt sich das Risiko dadurch nicht. Unter den hier besprochenen Einwänden halten wir diesen selbst wohl für den gewichtigsten.

„Die Zukunft wird sich nicht die Mühe machen, dich wiederzubeleben“

Meist beruht dieser Einwand auf der Vorstellung, dass künftige Generationen den konservierten Patienten feindselig gegenüberstehen könnten. Schwerer wiegt die Befürchtung, dass ihnen die Patienten schlicht gleichgültig sein könnten.

Niemand muss dir Böses wollen, um dich in einem Dewargefäß zurückzulassen. Es genügt, dass andere Aufgaben wichtiger erscheinen und niemand einen Anlass sieht, eine Wiederbelebung zu versuchen.

Zwei Dinge sprechen dagegen. Bei einer Wiederbelebung ginge es nicht um völlig Unbekannte: Über die Patienten liegen Aufzeichnungen vor, und sie haben Angehörige, oft auch Nachkommen.

Eine Gesellschaft, die eine Wiederbelebung ermöglichen könnte, würde diese vermutlich für kostengünstig und wissenschaftlich interessant halten und sich aus Fürsorge gegenüber den Patienten dazu verpflichtet sehen.

Sollte die gesellschaftliche Ordnung zusammenbrechen, käme es möglicherweise nicht zu einer Wiederbelebung. Sofern die Lagerung aufrechterhalten werden könnte, bliebe die Möglichkeit einer späteren Wiederbelebung bestehen.

Nach dieser Einschätzung würde sich die Wiederbelebung unter ungünstigen Umständen verzögern. Der Einwand beweist nicht, dass eine Wiederbelebung unmöglich wäre.

Die ethischen Einwände

Diese Einwände werden häufig gemeinsam vorgebracht. Viele ließen sich ebenso gegen andere Formen lebensverlängernder Medizin richten, werden hier aber nur auf die Kryonik bezogen.

Das macht sie nicht gegenstandslos. Man sollte jedoch zunächst prüfen, ob derselbe Maßstab auch an andere medizinische Verfahren angelegt wird.

„Es stört die natürliche Ordnung“

Fast alles in einem Krankenhaus stört die natürliche Ordnung. Antibiotika, Kaiserschnitte und Dialyse greifen ebenfalls in natürliche Abläufe ein.

Die Frage ist nicht, ob ein Eingriff natürlich ist, sondern ob er gut ist, und das muss von Fall zu Fall begründet werden.

Auch religiös begründete Einwände nehmen wir ernst und setzen uns mit ihnen auseinander, und das tun wir auch hier.

„Es ist egoistisch“

Wer Geld für das eigene Überleben ausgibt, handelt deshalb nicht zwangsläufig egoistisch. Sonst müsste dieser Vorwurf auch bei jeder anderen medizinischen Behandlung gelten.

Schwerer wiegt die Frage, worauf die Familie wegen dieser Ausgaben verzichten müsste. Diesen Einwand nehmen wir ernst und behandeln ihn hier ausführlich.

Wer einen Vertrag zur Kryokonservierung abschließt, denkt dabei oft auch an seine Angehörigen. Viele Mitglieder tun es, damit ihre Familie nicht unter Druck entscheiden muss.

„Du könntest dich nie an die Zukunft anpassen“

Hinter diesem Einwand steht die Vorstellung, allein in einem fremden Jahrhundert aufzuwachen und ohne jede Orientierungshilfe zurechtkommen zu müssen.

So stellen wir uns eine Wiederbelebung nicht vor. Zum Vorhaben gehört auch die Unterstützung bei der gesellschaftlichen Wiedereingliederung. Auf die Sorge, nach einer Wiederbelebung allein zu sein, gehen wir ausdrücklich ein.

Schon heute erleben Menschen im Lauf ihres Lebens tiefgreifende kulturelle Veränderungen und passen sich daran an. Sich an solche Veränderungen anzupassen, ist schwierig, aber Menschen haben es immer wieder geschafft.

Genau deshalb setzen wir uns mit den Einwänden gegen unsere eigene Position auseinander. Wer vor einer Entscheidung auch die stärksten Gegenargumente geprüft hat, kann sie fundiert vertreten.

Unser Mitgründer hat ausführlich dargelegt, unter welchen Voraussetzungen es vertretbar ist, Kryonik anzubieten, und unter welchen nicht, einschließlich der Fälle, in denen es das nicht wäre.

Wenn dich nach dieser Prüfung eine kleine Chance weiterhin mehr überzeugt als gar keine, haben die Einwände ihren Zweck erfüllt: Du hast dich mit ihnen auseinandergesetzt und kannst bewusst entscheiden.

Kurz gesagt: Die stärksten Einwände betreffen Schäden durch die Konservierung, die ungewisse Wiederbelebung und das langfristige institutionelle Risiko. Diese Probleme bestehen tatsächlich. Sie beweisen jedoch nicht, dass es sinnlos wäre, sich die Möglichkeit einer späteren Wiederbelebung offenzuhalten.

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