Bei der Wiederbelebung nach Kryokonservierung liegt es nahe, auf künftige Fortschritte zu verweisen und zu sagen: Das werde sich schon lösen lassen. Eine solche Antwort reicht nicht aus, denn die technischen Anforderungen lassen sich schon heute genauer beschreiben.
Man kann durchdenken, was eine Wiederbelebung tatsächlich erfordern würde. Tut man das, ergeben sich zwei technische Wege. Keiner lässt sich bisher praktisch umsetzen. Keiner würde voraussetzen, dass bisher unbekannte physikalische Gesetze gelten.

Welche Probleme für eine Wiederbelebung gelöst werden müssten
Beginnen wir bei den Anforderungen statt bei der Technik. Jeder Weg muss dieselben drei Hindernisse überwinden.
Erstens: Die Erkrankung oder Schädigung, die zum Tod geführt hat, müsste weiterhin behandelt werden. Dazu zählen etwa Krebs, Organversagen oder Schäden durch einen Schlaganfall.
Zweitens hinterlässt die Konservierung selbst Schäden. Ein Teil der Schäden durch mangelnde Durchblutung entsteht bereits vor der Kühlung, wie im Artikel „Das Wettrennen gegen den zellulären Verfall“ beschrieben.
Weitere Schäden können während der einzelnen Verfahrensschritte entstehen, die im Artikel „Technische Herausforderungen hochwertiger Konservierung“ beschrieben werden.
Drittens müsste der Körper wieder funktionsfähig werden, ohne dabei die Hirnstrukturen zu beschädigen, in denen Erinnerungen und Persönlichkeit gespeichert sind.
Diese dritte Anforderung beschreibt, was eine Wiederbelebung technisch leisten müsste. Die Behauptung lautet nicht, dass der Tod generell umkehrbar ist.
Die Behauptung ist enger gefasst: Wenn die nötigen Informationen erhalten geblieben sind, müsste sich anhand dieser Informationen die Gehirnfunktion wiederherstellen lassen. Dafür fehlen nach dieser Annahme die technischen Mittel; die bekannten physikalischen Gesetze stünden dem nicht entgegen.
Alles Folgende setzt voraus, dass diese Bedingung erfüllt ist. Ist diese Bedingung nicht erfüllt, hilft keiner der hier beschriebenen Wege weiter. Deshalb muss eine ehrliche Einschätzung von heute zunächst klären, was die Konservierung nicht versprechen kann.
Bemerkenswert: Die drei Hindernisse sind voneinander unabhängig. Ein geeignetes Verfahren zum Wiedererwärmen heilt keinen Krebs, und eine Krebstherapie verhindert keine Schäden durch Eisbildung.
Für eine Wiederbelebung müssten alle drei Hindernisse überwunden werden. Viele zuversichtliche Aussagen dazu befassen sich jedoch nur mit einem davon, ohne diese Einschränkung offenzulegen.
Weg eins: den konservierten Körper reparieren
Beim ersten Ansatz würde der ursprüngliche biologische Körper erhalten und repariert. Dazu wären im gesamten Gewebe Eingriffe auf zellulärer und molekularer Ebene nötig.
Man müsste die Todesursache beseitigen, Schäden durch mangelnde Durchblutung beheben und die Kryoprotektiva entfernen, bevor sie beim Erwärmen toxisch wirken.
Zudem müsste der Körper so schnell und gleichmäßig erwärmt werden, dass sich währenddessen kein Eis bildet. Dass ein solches Wiedererwärmen im kleinen Maßstab möglich ist, wurde bereits gezeigt: Rattennieren wurden von innen heraus wiedererwärmt und anderen Ratten transplantiert, die mit den transplantierten Nieren überlebten.
Die Übertragung auf den Menschen wäre wegen der Größe und Komplexität des Körpers sowie der zusätzlich nötigen Reparaturen erheblich schwieriger, wie der Artikel zur Reversibilität erläutert.
Für solche Eingriffe wird vor allem die molekulare Nanotechnologie diskutiert: winzige Maschinen, die einzelne Atome gezielt anordnen könnten. Ob sich dieser Ansatz verwirklichen lässt, ist ebenfalls offen; damit befasst sich ein eigener Artikel.
Molekulare Nanotechnologie ist allerdings nicht der einzige denkbare Ansatz. Auch gezielt veränderte Zellen, weiterentwickelte biotechnologische Verfahren und molekulare Werkzeuge könnten dazu beitragen. Keiner dieser Ansätze würde einen universellen Assembler voraussetzen.
Der Reiz dieses Weges liegt auf der Hand. Man würde im eigenen, reparierten Körper erwachen. Ob die erwachte Person mit der ursprünglichen Person identisch wäre, erscheint bei diesem Ansatz weniger fraglich.
Die Schwierigkeit liegt ebenso auf der Hand. Nötig wären Werkzeuge, die im gesamten Körper äußerst präzise Reparaturen ausführen könnten. Solche Werkzeuge gibt es bisher nicht.
Weg zwei: die Struktur auslesen und neu aufbauen
Beim zweiten Ansatz würde das konservierte Gewebe nicht repariert. Stattdessen würde seine Struktur erfasst.
Angenommen, die Struktur des Gehirns ließe sich mit ausreichender Auflösung kartieren. Vermutlich müsste dabei der molekulare Zustand jeder Synapse erfasst werden; ein bloßer Schaltplan würde wohl nicht genügen.
Anhand dieser Karte könnte man grundsätzlich versuchen, ein gesundes biologisches Gehirn heranzuzüchten oder die Gehirnfunktion auf andere Weise wiederherzustellen.
Das konservierte Gehirn würde dabei als Informationsquelle dienen. Eine Wiederbelebung würde durch Scannen und Rekonstruktion erfolgen, nicht durch einen operativen Eingriff.
Dieser Ansatz würde auf Bildgebung und Rechenleistung statt auf molekularer Reparatur beruhen. Ob er gelingen könnte, hinge daher von anderen technischen Voraussetzungen ab als bei Weg eins.
Er wirft auch eine Frage auf, die Weg eins nicht stellt. Wenn ein Gehirn anhand einer solchen Karte rekonstruiert würde, wäre die Person, die danach erwacht, noch dieselbe?
Diese Frage ist philosophisch umstritten und lässt sich nicht nebenbei klären. Für beide Positionen gibt es ernst zu nehmende Argumente. Der Codex behandelt diese Frage im Beitrag „Mind Uploading“.
Tim Urbans Essay „Was dich zu dir macht“ erklärt besonders anschaulich, warum die Frage schwieriger zu beantworten ist, als sie zunächst erscheint.
Weg zwei wird hier vorgestellt, weil er als Möglichkeit diskutiert wird. Seine Machbarkeit ist damit ebenso wenig belegt wie seine Überlegenheit. Wer sich damit auseinandersetzt, sollte wissen, dass beide Wege zur Debatte stehen.
Warum es hilfreich ist, zwei mögliche Wege zu untersuchen
Beide Ansätze sind noch weit von einer praktischen Umsetzung entfernt. Entscheidend ist, dass sie unterschiedliche technische Fortschritte voraussetzen.
Weg eins könnte an fehlenden Möglichkeiten zur molekularen Reparatur scheitern, während sich Bildgebungsverfahren und Rechenleistung weiter verbessern. Weg zwei könnte an einer unzureichenden Auflösung der Bildgebung scheitern, während die molekulare Medizin Fortschritte macht.
Wenn zwei Ansätze an unterschiedlichen technischen Hürden scheitern könnten, hängt die Aussicht auf Erfolg weniger stark davon ab, ob eine bestimmte Hürde überwunden wird.
Beide Ansätze haben zudem eine entscheidende Gemeinsamkeit. Nach dieser Überlegung wären beide mit den bekannten Naturgesetzen vereinbar, würden aber technische Mittel erfordern, die bisher nicht existieren.
Das ist der Unterschied zwischen einem Problem, an dem man Stück für Stück arbeiten kann, und einem Wunder, auf das man nur hoffen kann.
Auch bei der Kryokonservierung versucht man, Fortschritte zu erzielen, indem man biologische Vorgänge untersucht und technische Verfahren entwickelt, um sie gezielt zu beeinflussen, statt sie als ein Mysterium zu behandeln.
Fortschritte in der Bildgebung, der Molekularbiologie und bei der Rechenleistung könnten diesen Ansätzen zugutekommen. Aktuelle Ergebnisse sind unter „Relevante Forschungsarbeiten“ zusammengestellt.
Solche Fortschritte bedeuten allerdings noch nicht, dass eine Wiederbelebung möglich wird. Forschungsarbeiten, die diese offenen Probleme angehen, werden unter „Das Feld voranbringen“ vorgestellt.
Nichts davon ist ein Versprechen. Diese Übersicht soll zeigen, welche Ansätze denkbar sind und auf welchen Annahmen die Hoffnung auf eine spätere Wiederbelebung beruht.
Wie lange die nötige Entwicklung dauern könnte, lässt sich derzeit nicht beantworten. Damit befasst sich der Beitrag „Wann wir mit Revival rechnen können“.
Kurz gesagt: eine Wiederbelebung könnte durch Reparatur des ursprünglichen Körpers oder durch Rekonstruktion anhand der im Gehirn erhaltenen Informationen versucht werden. Beide sind bislang theoretisch und erfordern Technologien, die es heute noch nicht gibt.
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