Über den eigenen Tod nachzudenken, ist ein ungewöhnlicher Punkt auf einer To-do-Liste.
Zahnarzttermin ausmachen. Reisepass verlängern. Festlegen, was mit deinem Körper geschehen soll, wenn die Medizin nicht mehr helfen kann.
Der dritte Punkt wirkt, als wäre er aus Versehen dort gelandet.
Ich verstehe, warum Menschen das aufschieben. Solange man gesund ist, weiß man zwar, dass man sterben wird, doch mit dem heutigen Dienstag scheint das nichts zu tun zu haben.
Darin liegt kein Widerspruch. Du weißt, dass der Tod eintreten wird. Dieses Wissen beschäftigt dich nur weniger als ein Termin morgen früh oder eine Rechnung, die nächste Woche fällig ist.
Genau deshalb bleibt der Tod für uns abstrakt.
Wir wissen durchaus, dass wir sterblich sind. Doch solange wir nicht wissen, wann wir sterben werden, erscheint uns alles dringlicher, was schon einen festen Termin hat.
Warum uns der eigene Tod so fern erscheint
Versuch, dir deinen eigenen Tod vorzustellen.
Vielleicht siehst du ein Krankenzimmer, eine Beerdigung, deine Familie oder eine Welt, die ohne dich weiterbesteht. Aber du bist in diesem Bild immer noch irgendwo anwesend und beobachtest das Geschehen.
Hier stößt dieses Gedankenexperiment an seine Grenzen. Wir können uns vorstellen, unter welchen Umständen wir sterben könnten. Wie es wäre, selbst nicht mehr da zu sein, können wir uns dagegen nicht vorstellen.
Wir wissen also, dass wir sterben werden, doch dieses Wissen berührt uns kaum. Wir erkennen diese Tatsache an und leben trotzdem weiter, als beträfe sie jemand anderen.
Bei den meisten wichtigen Entscheidungen ist das anders.
Für die Bewerbung um einen Studienplatz gibt es eine Frist. Eine Schwangerschaft bringt konkrete Termine und Entscheidungen mit sich. Bei einem undichten Dach lässt sich absehen, dass die Reparatur umso teurer wird, je länger man wartet.
Mit dem eigenen Tod muss man sich mitunter jahrzehntelang nicht näher auseinandersetzen. Das Thema aufzuschieben, scheint zunächst keine Folgen zu haben.
Im Todesfall zeigt sich dann, was nicht rechtzeitig geregelt wurde.
Für Tomorrow.bio bedeutet ein Todesfall konkrete Aufgaben. Ein Anruf geht ein, Ort und Zeitpunkt müssen geklärt, ein Arzt verständigt, Unterlagen bereitgestellt und die erforderlichen Maßnahmen eingeleitet werden.
Bis zu diesem Anruf mag der eigene Tod eine rein philosophische Frage gewesen sein. Danach zählt beim Einsatz jede Minute.
Die entscheidenden Vorkehrungen müssen allerdings schon vor diesem Anruf getroffen sein.
Auch Nichtstun hat Folgen
Es gibt einen weiteren Grund, warum Menschen eine Entscheidung vermeiden: Nichtstun wirkt neutral.
Das ist es nicht.
Auch wenn du vor deinem Tod nichts verbindlich geregelt hast, wird über den Verbleib deines Körpers entschieden. Ein Krankenhaus, ein Bestattungsunternehmen, eine Behörde oder ein Angehöriger handelt dann nach den gesetzlichen Vorgaben und den üblichen Abläufen.
Meist folgt eine Erdbestattung oder eine Einäscherung. Auch ohne deine ausdrückliche Entscheidung wird also festgelegt, was mit deinem Körper geschieht.
Wenn du nicht selbst entscheidest, bleibt die Frage deshalb nicht offen. Dann bestimmen die üblichen Abläufe, was geschieht.
Das gilt besonders für die Kryonik: Der bloße Wunsch nach einer Kryokonservierung reicht nicht aus, damit sie tatsächlich eingeleitet wird.
Das Einsatzteam muss benachrichtigt werden. Die Finanzierung muss gesichert sein. Die richtigen Dokumente müssen zugänglich sein. Die Menschen in deinem Umfeld müssen wissen, dass Tomorrow.bio verständigt werden muss.
Wenn ein Familienmitglied sagt: „Ja, ich weiß, das wollte er oder sie so“, reicht das noch nicht aus, damit die nötigen Schritte eingeleitet werden können.
Wir haben Fälle erlebt, in denen wir zu spät verständigt wurden, zugesagte Mittel nach dem Tod nicht mehr zur Verfügung standen oder einem Partner erst im Notfall klar wurde, was die Entscheidung bedeutete.
Gute Absichten lösen diese Probleme nicht. Dafür braucht es verbindliche Vereinbarungen und klare Abläufe.
Ensuring your wishes are followed erklärt, warum dein Wille auch dann umgesetzt werden können muss, wenn du ihn selbst nicht mehr äußern kannst.
Du kannst mit ein paar unangenehmen Fragen prüfen, wie konkret dein derzeitiger Plan wirklich ist.
Wenn du heute Nacht sterben würdest: Wer würde uns anrufen? Woher hätte diese Person die Nummer? Wäre die Finanzierung auch dann gesichert, wenn jemand seine Meinung ändern würde?
Weiß dein Partner oder deine Partnerin davon? Würden das Krankenhaus oder das Bestattungsunternehmen klare Anweisungen erhalten?
Solange diese Fragen offen sind, fehlt ein konkreter Plan, auch wenn du dir deiner Entscheidung sicher bist.
Ein Schock verändert die Aufmerksamkeit, nicht die Beweislage
Als wir Mitglieder fragten, warum sie sich schließlich angemeldet hatten, erzählten viele, dass sie sich schon seit Jahren mit Kryonik beschäftigt hatten.
Sie hatten sich in dieser Zeit aber nicht ununterbrochen darüber informiert. Der Gedanke blieb im Hinterkopf, während andere Dinge im Alltag wichtiger waren.
Dann gab ein Ereignis den Anstoß, sich näher damit zu befassen.
Ein Geburtstag erinnerte sie daran, dass sie älter wurden. Ein gesundheitliches Problem machte ihnen Angst. Jemand aus dem näheren Umfeld starb. Eine Beziehung endete. Kinder wurden erwachsen.
Manchmal gab es einen praktischen Anlass: Jemand musste eine Versicherung abschließen oder erfuhr, dass es in Europa einen seriösen Anbieter gibt.
Die Anlässe waren verschieden, doch das gemeinsame Muster ist aufschlussreich. In vielen Fällen gab es zum Zeitpunkt der Entscheidung keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Erfolgsaussichten einer Kryokonservierung.
Durch das Erlebte wurde eine lange aufgeschobene Frage plötzlich dringend.
Das finde ich bemerkenswert, denn offenbar warten viele Menschen weder auf ein überzeugenderes Argument noch auf eine weitere Studie.
Sie warten darauf, dass der Tod aufhört, sich abstrakt anzufühlen.
Das kann funktionieren. Vermutlich wird irgendwann ein Ereignis an die eigene Sterblichkeit erinnern.
Doch gerade dann fällt es möglicherweise besonders schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.
Eine beängstigende Diagnose kann die Optionen bei einer Lebensversicherung einschränken. Wer um ein Familienmitglied trauert, hat oft keinen Kopf für solche Entscheidungen. Wer unerwartet stirbt, kann diese Entscheidung nicht mehr treffen.
Deshalb können wichtige Lebensereignisse und gesundheitliche Probleme den Ausschlag geben. Sie erinnern uns daran, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist.
An der wissenschaftlichen Unsicherheit ändern sie jedoch nichts. Eine Kryokonservierung bleibt ein Versuch mit ungewissem Ausgang, ob man sich mit dreißig in Ruhe dafür entscheidet oder nach einer belastenden Diagnose überstürzt.
Deshalb sollten wir den Menschen aber nicht schon früher Angst machen. Angst ersetzt kein Urteilsvermögen, und Tomorrow.bio sollte niemandem eine Notlage einreden, um einen Vertrag abzuschließen.
Sinnvoller ist es, die Entscheidung zu treffen, solange man sich in Ruhe damit befassen kann.
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„Wie stehe ich zum Tod?“ lässt sich kaum zu Ende denken.
Die Frage ist zu groß. In dieser Frage kommen Medizin, Familie, Identität, Religion, Angst und die Suche nach dem Sinn des Lebens zusammen.
Kein Wunder, dass Menschen das Thema beiseiteschieben.
Eine kleinere Frage ist hilfreicher: Wenn die heutige Medizin mich nicht retten kann, was soll als Nächstes geschehen?
Jetzt werden die Optionen konkret.
Du kannst dich für eine Erdbestattung entscheiden. Du kannst dich für eine Einäscherung entscheiden. Du kannst deinen Körper, sofern die Voraussetzungen dafür erfüllt sind, der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Oder du kannst dich für den Versuch einer Kryokonservierung entscheiden.
Kryokonservierung verspricht keine Wiederbelebung. Dabei wird der Körper, insbesondere das Gehirn, konserviert, in der Hoffnung, dass sich Schäden künftig medizinisch beheben lassen, die heute nicht behandelbar sind.
Diese Hoffnung könnte sich als vergeblich erweisen. Ob dies je gelingen kann, ist wissenschaftlich ungeklärt; bislang lässt sich kein kryokonservierter Mensch wieder zum Leben erwecken.
Um diese Entscheidung zu treffen, musst du aber keine abschließende Antwort auf die Frage finden, wie du zum Tod stehst. Du musst entscheiden, ob du einen Versuch mit ungewissem Ausgang vorziehst, der eine spätere Behandlung ermöglichen soll.
Du kannst immer noch Nein sagen. Das ist eine echte Entscheidung.
Wenn sich voraussichtlich nichts Konkretes ändern wird, solltest du dich fragen, warum du die Entscheidung weiter aufschiebst.
Wenn dir Belege fehlen, kläre, für welche Aussage du sie brauchst. Wenn die Kosten das Problem sind, informiere dich über die konkreten Finanzierungsmöglichkeiten. Wenn dein Partner Einwände hat, sprich mit ihm darüber, bevor ein Notfall eintritt.
The great inertia behandelt die Frage, warum eine bereits getroffene Entscheidung an einem noch ungeklärten praktischen Hindernis scheitert.
Hier geht es um den Schritt davor: die Frage nach dem eigenen Tod so konkret zu stellen, dass du eine Entscheidung treffen kannst.
Du musst nicht im Schatten des Todes leben
Manche Menschen wollen sich nicht mit der Vorsorge befassen, weil sie ihr Leben nicht vom Gedanken an den Tod bestimmen lassen möchten. Diesen Wunsch kann ich nachvollziehen.
Bei der Kryonik geht es nicht um eine Faszination für den Tod. Kryobehälter, Verträge und Notfallpläne müssen nicht zum Mittelpunkt des eigenen Lebens werden.
Es geht darum, sein Leben zu leben und für den Fall vorzusorgen, dass die heutige Medizin nicht mehr helfen kann.
Du musst nicht jeden Morgen an deinen Tod denken. Du musst dich einmal gründlich damit befassen, alles Nötige regeln und die getroffenen Vorkehrungen überprüfen, wenn sich etwas Wichtiges ändert.
So gehen wir mit vielen ernsten, aber seltenen Risiken um. Wir denken nicht jeden Tag an einen Hausbrand. Wir montieren Rauchmelder, bevor es brennt.
Für Mitglieder von Tomorrow.bio ist klar, welche Vorbereitungen nötig sind.
Die Mitgliedschaft muss aktiv sein. Der Vertrag muss abgeschlossen und die Finanzierung gesichert sein. Notfallinformationen müssen zugänglich sein. Deine Familie oder andere Personen, die im Notfall handeln sollen, müssen wissen, wen sie verständigen müssen.
From „maybe“ to „done“ erläutert diese Schritte. Im Todesfall übernimmt Tomorrow.bio die medizinischen Maßnahmen, die Koordination vor Ort, die Dokumentation und den Transport.
Deine Aufgabe ist nicht, selbst zum Notfallplaner zu werden. Du musst dafür sorgen, dass im Ernstfall alle nötigen Schritte auch ohne dein Zutun eingeleitet werden können.
Der Tod wird wahrscheinlich abstrakt bleiben, solange du gesund bist. Das ist in Ordnung.
Der Zweck der Vorsorge ist nicht, sich selbst Angst einzujagen. Mit rechtzeitiger Vorsorge stellst du sicher, dass dein Wille bekannt ist und die nötigen Vorbereitungen getroffen sind.
Nimm dir an einem ruhigen Abend Zeit für diese Frage. Entscheide, was du willst. Wenn du dich für eine Kryokonservierung entscheidest, triff die nötigen Vorkehrungen, solange dir das alles noch etwas unwirklich erscheint.
Dann widme dich wieder deinem Alltag.
Kurz gesagt: der Tod mag sich emotional fern anfühlen, solange du gesund bist. Du musst nicht warten, bis dir der Tod Angst macht: Entscheide, was du willst, triff die nötigen Vorkehrungen und überlass es nicht den üblichen Abläufen, was nach deinem Tod geschieht.
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